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Wissen ebi-aktuell Wenn der Kopf nie stillsteht: ADHS bei Kindern

Wenn der Kopf nie stillsteht: ADHS bei Kindern

In der Schweiz sind rund 3-5% der Kinder von ADHS betroffen. ADHS steht für «Attention Deficit Hyperactivity Disorder» oder auf Deutsch: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Wie es der Name schon ausdrückt, gehören zu den wesentlichen Symptomen von ADHS Unaufmerksamkeit- und Konzentrationsprobleme, Impulsivität sowie körperliche Unruhe (Hyperaktivität). Der Alltag mit Kindern mit ADHS ist oft herausfordernd. Werden aber einige Dinge beachtet, wird es einfacher fürs Kind und auch für die Eltern.

junge mit kopfhörern auf HängematteDie genaue Ursache von ADHS ist bis heute noch nicht vollständig bekannt. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, darunter genetische Veranlagung, neurologische Unterschiede im Gehirn, Ungleichgewichte im Bereich der Neurotransmitter und Umweltfaktoren. Wenn ein Kind die Diagnose ADHS bekommt, löst das beim Kind, wie auch bei den Eltern oft Ängste und Unsicherheit aus. Ganz wichtig zu wissen ist, dass die Eltern keine Schuld trifft und dass ADHS nichts mit Erziehungsfehlern zu tun hat, was Eltern von ADHS-Kindern manchmal unterstellt wird.

Wir haben mit der eidgenössisch diplomierten Naturheilpraktikerin und zertifizierten Homöopathin Nadja Röthlisberger über ihre Erfahrungen mit ADHS-Kindern gesprochen.

Nadja Röthlisberger, gefühlt hat man den Eindruck, dass die ADHS-Diagnosen in den letzten Jahren zugenommen haben. Gibt es einfach mehr Kinder mit ADHS oder wird das heutzutage einfach mehr diagnostiziert?

Beides. Die Neurowissenschaft ist zwar der Meinung, dass es seit vielen Jahrzehnten stabil gleich viele Menschen mit einem ADHS (das H kann für hyper- und das hypo-aktiv stehen) gibt und dass viele Defizite heute auch hausgemacht sind. Das heisst, die Kinder dürfen sich weniger bewegen, insbesondere das Klettern und «gefährliche» Spiele (wie den Hang runterfahren oder rennen) wird den Kindern aberzogen, dabei wären solche Bewegungsmuster enorm wichtig für die Gehirnentwicklung. Gerade Balanceübungen, Schaukelbewegungen und herausfordernde Bewegungen mit Muskelkraft und dem Gleichgewichtsorgan werden häufig aus Angst gemieden. Dennoch bin ich der Meinung, dass es mehr Kinder hat – nicht nur die anerzogene Variante, auch die natürliche ADHS Version.

Wie nimmst du das in deiner Praxis wahr, stülpt man Kindern vielleicht öfters auch zu früh die Diagnose ADHS über?

Ich habe eher Eltern in der Praxis, die sich vor einer Diagnose fürchten weil sie denken, eine Diagnose führt zwangsläufig zu einer Medikation. Dem ist nicht so und es wird auch nicht immer von den Ärzten in die Richtung von Ritalin (oder ähnlichen Medikamenten) gepusht. Grundsätzlich bin ich für eine Abklärung, wenn das Familiensystem oder ein oder mehrere Menschen in der Familie enorm unter dem (da noch vermuteten) ADHS leiden. Das kann das Kind selber sein oder auch ein Elternteil, der über seine körperlichen und emotionalen Grenzen geht, tagtäglich seit Jahren. Wir müssen wissen, dass je nach Ausprägung des ADHS das Kind ein Anrecht auf bessere Unterstützung in der Schule zu gut hat und auch später in der Lehrzeit.  

Und welche Rolle spielt eigentlich die Umwelt? Also haben da vielleicht auch all die digitalen Ablenkungen und unsere ganze moderne Lebensart einen Einfluss auf die vermehrten Diagnosen?

Die Digitalisierung kann ein «hausgemachter» Grund sein für ein ADHS-Verhalten, das wäre dann aber eben nicht die angeborene Form, sondern eher die anerzogene. Das kann durchaus sein. Aber ich fange in der Regel noch früher an mit Gründen für ein ADHS als ab Zeitpunkt «Tablet» (wobei das ja immer tiefer ins Kleinkindalter verschoben wird).

Zuallererst spielen die Schwangerschaft und die Geburt eine grosse Rolle. Wir wissen heute, dass das Stresslevel in der Schwangerschaft das Kind in seinem neuronalen und hormonellen Set-Point beeinflusst. Sprich, ist eine Schwangere einem Dauerstress ausgesetzt so schüttet sie selber vermehrt Stresshormone aus, was das Ungeborene mitbekommt und für sich als «normal» integriert. Diese Kinder werden später immer nach Stress suchen, weil dies für sie selber die Norm ist.

Dann sind bei vielen Kindern – und auch Erwachsenen – die frühkindlichen Reflexe nach wie vor aktiv. Das bedeutet, die aktiven Reflexe können das Nervensystem in ständige Alarmbereitschaft versetzen, was sich natürlich in Unruhe und Ablenkbarkeit auswirkt. Daher empfehle ich Eltern mit sehr unruhigen Säuglingen immer zuerst eine gute Integration des Geburtsablaufs (da sind sehr viele Muskelabläufe aber eben auch Neuronale Verknüpfungen im Gehirn mitbeteiligt), dies kann in der Osteopathie, Cranio Sacral, auch Kinesiologie etc. gemacht werden (suche nach Frühkindliche Reflexe im Internet und frage die Therapeutin, ob sie eine Zusatzausbildung in dieser Richtung gemacht hat). Wenn die Integration der frühkindlichen Reflexe fehlt, dann sind diese Kinder oft eben auch „überaktiv“, wenn dies gemacht wird und das Kind die Möglichkeit zur Entfaltung der Bewegungsabläufe anschliessend wieder hat, kann sich auch das Interesse verlagern.

Und ja, gewisse Mikronährstoffe sind natürlich auch mitverantwortlich, ob sich ein Körpersystem wohl und ausgewogen fühlt. Wenn ein Mangel an gewissen Nährstoffen fehlt, sucht sich der Körper anderweitig Unterstützung, oft dann über den schnellen Zucker (Süssigkeiten) und der Teufelskreis fängt an zu drehen.

Wie unterscheiden sich aus deinen Erfahrungen Kinder mit einem ADHS von anderen Kindern?

Familien mit ADHS Kindern müssen sich sehr oft rechtfertigen, sie erhalten «Tipps» wie sie mit ihrem Kind umgehen sollten und werden nach wie vor stigmatisiert. Die Kinder selber haben mehr schlechte Erfahrungen (werden gemassregelt, werden ausgegrenzt und permanent an ihr «Unvermögen» erinnert), so dass die Wahrscheinlichkeit einer Depression, eines selbstverletztenden Verhaltens oder Sucht in der Pubertät oft hervortritt.   

Wenn gleich ich verstehe, dass Familien mit einem ADHS Kind oft an ihren Grenzen anstehen und sich so oft rechtfertigen müssen, für das Verhalten ihres Kindes, sehe ich auch viel Gutes. Wie gesagt, ich will nicht schönreden, dass es sehr anspruchsvoll und kräftezehrend ist, mit dem Kind und dem Umfeld.

Viele denken bei ADHS zuerst einmal an die zappeligen und ungestümen Kinder, das Phänomen kann sich aber auch ganz anderes zeigen. Kannst du uns da vielleicht noch etwas mehr dazu sagen?

Ja, es gibt auch die nach aussen ruhigen Kinder, aber in ihrem Kopf macht es ständig Lärm, unfertige Gedanken lösen den nächsten ab. Ich hatte mal einen Jungen mit einer sehr ausgeprägten ADHS Form, er hatte ständig 3 Lieder parallel laufend in seinem Kopf, jeden Tag, jede Minute. Er war sehr ruhig in der Praxis, aber mir war bewusst, dass es sehr anstrengend für ihn war und dass er nur dank dem sehr guten Setting der Eltern und Schule sich bei mir «zusammenreissen» konnte.

Heute weiss man auch, dass ADHS zu einer Depression führen kann, dass das ständige Anpassen an die neurotypischen Formen sehr viel Energie kostet und sich vor allem die Schule und Arbeitswelt überhaupt nicht interessiert, dass gerade ADHS viel Abwechslung braucht – aber eben nicht nur und vor allem auch Ruhezeiten nötig sind. Aber dass diese nicht einfach auf 7-9 Stunden Schlaf in der Nacht gerechnet sein müssen, sondern dass einige sogar tagsüber ein Schläfchen halten sollten.

Also gerade bei vielen psychiatrischen Erkrankungen, namentlich Depression, selbstverletzendem Verhalten, Zwangshandlungen und ähnlichem bin ich heute sensibler und denke eher an ein ADHS oder ASS.

ADHS wird zudem viel häufiger bei Jungen als bei Mädchen diagnostiziert, weshalb?

Die klassischen Diagnosekriterien wurden ursprünglich vor allem für Jungen entwickelt – denn was Jungen mit ADHS oft bringen, ist «störend», sie sind lauter, können nicht still sitzen, sind impulsiv, hyperaktiv und unterbrechen so den Unterricht. Mädchen hingegen sind eher «unaufmerksam» und haben eine innere Unruhe, die sich aber im Aussen nicht durch körperliche Bewegungsmuster zeigt.

Zudem können Mädchen oft viel besser maskieren, d.h., sie verhalten sich angepasster, aber in ihnen drin ist es genau so nervös, sind die Gedanken genauso wild und herumflitzend. Sie wirken nach aussen hin ruhig, aber die Energie, die aufgewendet werden muss ums so zu scheinen, ist sehr hoch.

Und wir haben eigentlich zwei Probleme: Verhaltensmuster, eher bei Jungen, die eigentlich natürlich und gesund sind, wie starker Bewegungsdrang wird oder wurde oft als unnatürlich abgestempelt. Und die Mädchen leiden sehr lange still, bis hin zu Depressionen (Angststörungen, selbstverletzendem Verhalten etc.), aber auch in ihrem Innern ist es laut und unkontrolliert und überwältigend (gedanklich, emotional).

Wir werden beiden Geschlechtern oft nicht gerecht – viele Jungs werden fälschlicherweise mit einem ADHS abgestempelt, wo es eigentlich noch im Rahmen sein könnte und Mädchen werden viel zu lange nicht erkannt.

Welche naturheilkundlichen Möglichkeiten gibt es, um Kinder mit einem ADHS zu unterstützen?

Gehen wir davon aus, dass es wirklich ein bestätigtes ADHS ist. Zuerst frage ich ab, wie die Schwangerschaft und die Geburt des Kindes verlaufen sind, wie die ersten Jahre waren. Neurodivergente Kinder haben häufig Schlafprobleme, d.h., sie schlafen sehr unruhig oder gar nicht, weinten sehr viel oder haben sich in den Schlaf «geflüchtet». Das ist zwar für die Eltern sehr entspannend, wenn die Kinder quasi ab Geburt 10 h am Stück durchschlafen, aber natürlich ist das nicht.

Dann schauen wir, ob bei der Ernährung Punkte sind, die verbessert werden können, selbst das Trinkverhalten macht viel aus. Nahrungsergänzungen kommen auch oft ins Spiel, ich nenne hier einige an welche man denken kann: Omega 3, Magnesium, Zink, Eisen (Ferritinwert testen lassen), die B-Vitamine (B6, B12), Vitamin D3 (eine Hormonvorstufe und kein eigentliches Vitamin). Natürlich gibt es aus der Heilkunde so viele Helfer, sei es aus der Spagyrik, der Gemmotherapie, Schüssler Salzen, Bachblüten oder auch aus der Homöopathie, um die Kinder bestmöglich zu unterstützen.

Ganz wichtig für ADHS-Kinder ist Struktur. Wie können Eltern diese den Kindern im Alltag geben. Hast du da Tipps?

Das mit der Struktur… es ist ja so, dass Kinder mit ADHS oft auch mindestens einen Elternteil mit einem ADHS haben (oft unerkannt). Und da fängt‘s ja schon an – man weiss zwar, dass Struktur wichtig ist, aber ob es dann umsetzbar ist, wenn auch die Gedanken und Handlungen des Elternteils «tanzen»? Aber sicher, es braucht eine Struktur, die kann sich aber von neurotypischen Kindern schon unterscheiden. Adaption ist oft gefragt, ausgleichende Abwechslung von Reiz und Pausen.

Häufig blickt man bei ADHS-Kindern nur auf das, was sie nicht oder weniger gut können als die anderen Kinder, aber Kinder mit ADHS haben auch sehr viele Stärken. Kannst du uns da einige nennen, die bei diesen Kindern häufig ausgeprägter sind?

Was ich sehe – Kinder (und auch Erwachsene) mit ADHS haben einen enorm intuitiven Zugang, sind hellsichtig (und damit meine ich alle möglichen Hellsinne, nicht nur «sehen») und haben ein feines Gespür für Richtig und Falsch. Sie haben viel weniger Toleranz für Lüge, Unwahrheiten und Vertuschen. Also, der Bullshit-Barometer schlägt viel früher an. Und sie haben Recht!

Darum, in einem richtigen Setting (ob mit oder ohne Medikamente, unterstützende Therapien, Nahrungsergänzungsmittel je nach dem) können uns diese Kinder (und auch Erwachsenen) sehr viel Gutes in die Gesellschaft bringen. Ich würde sogar sagen, dass eine Neurodivergenz per se wahrscheinlich menschlicher ist, weil adaptiver und empathischer als wir es bis jetzt erzählt bekommen. 

Oft sind Eltern mit einem ADHS-Kind stark gefordert und selbst am Limit. Welche Tipps hast du für sie?

Heilkundlich gesehen sind zwei Systeme massgebend.

  1. Die Nieren stärken
  2. Das Nervensystem stabilisieren.

Die Nieren zu stärken bedeutet in der Heilkunde zugleich die Nebennieren zu unterstützen. Wir laufen oft auch hormonell am Limit, sprich, wir schütten ständig und zu viel Stresshormone aus (Adrenalin, Cortisol). Und wenn wir Angst haben, gestresst sind – dann schwächen wir unsere Nierenenergie noch mehr – also ein Teufelskreis.

Das Nervensystem hat momentan gerade einen Hochflug, so wie vor ein paar Jahren alle sich um ihren Darm gekümmert haben, sind jetzt alle damit beschäftigt, das Nervensystem zu regulieren. Was selbstverständlich inhaltlich stimmt. Denn oft merken Eltern erst durch die Diagnose ihres Kindes, dass sie selber auch neurodivergent sind und sich während Jahrzehnten über ihre eigenen Kräfte verausgabt haben.

Da müssen wir als Gesellschaft generell über die Bücher – wir haben einen enormen Perfektionsanspruch und «niemand» sagt uns «gut ist gut genug». Oder «Mut zur Lücke». Die innere Getriebenheit überall perfekt zu sein, ist oft angstgetrieben – das heisst, wir müssen auch bei den Eltern oft eine grosse Rückschau halten, was sind denn deine Glaubenssätze, wie ein Kind oder ein Mensch «richtig» ist. Und ist es wirklich biologisch, wenn wir jeden einzelnen Tag immer 110% geben müssen. Das fängt bei jungen Müttern an «die hat ein Saupuff in der Wohnung» oder «mein Nachbar mäht nur alle 3 Wochen den Rasen, das ist so ein fauler Hund» bis hin zur Arbeit nehmenden Gruppe, wo nur die perfekte und absolute Leistung etwas zählt – Kreativität, Freude und Ehrlichkeit mögen zwar oft auf dem Leitbild stehen, aber gelebt wird es nicht.

Und wie kann das Umfeld, also Schule, Verwandte, Freunde das ADHS-Kind und seine Eltern unterstützen?

Einerseits nicht immer grad mit Ratschlägen und Vorschlägen aufwarten, denn die Eltern haben ziemlich sicher schon sehr vieles selber ausprobiert. Vielleicht würde es helfen, wenn wir den Eltern den Raum geben könnten, zu erzählen, wie sie das Kind und die Situationen erleben. Und nicht immer gleich urteilend oder verurteilend einen Kommentar abgeben. Und, wir können auch mal schauen, was das Kind und die Eltern schon alles gut oder sehr gut gemeistert haben.

Es gibt unterschiedlich starke Ausprägungen von ADHS und im Einzelfall kann auch eine Medikation hilfreich sein. Dies ist bei den wenigsten Familien, die ich kenne, die erste Wahl und da denke ich, dürften wir vielleicht auch etwas milder sein mit Vorurteilen. Erst wenn wir sieben Meilen in den Schuhen eines Menschen mit ADHS gegangen sind, können wir mitreden.

Herzlichen Dank Nadja Röthlisberger für dieses Interview und deine wertvollen Tipps.


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Autor/in:
Simone Walther Büel
Tags zum Bericht:
Blog Unternehmenskommunikation

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