Wissens-ABC: Wieso gähnt man?
Bei unserer Serie Wissens-ABC werfen wir einen Blick auf Alltagsphänomene. Dieses Mal interessiert uns die Frage: Wieso gähnt man eigentlich? Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: Niemand weiss es bis heute abschliessend. Doch es gibt einige interessante Erklärungsansätze und überraschende Fakten.
Was passiert beim Gähnen?
Jede und jeder kennt es: Ein tiefes Einatmen, der Mund öffnet sich weit, das Zwerchfell zieht sich zusammen und anschliessend folgt ein langsames Ausatmen, oft gefolgt von einem kurzen Augenblick der Entspannung – Gähnen. Dabei erhöht sich die Sauerstoffzufuhr, und die Herzfrequenz steigt leicht an. Auch die Gesichtsmuskeln – vor allem jene rund um Augen, Mund und Kiefer – sind aktiv am Gähnen beteiligt. Im Durchschnitt gähnt ein Mensch etwa fünf bis zehn Mal pro Tag: Wir tun es am Morgen beim Aufwachen, am Abend vor dem Einschlafen, manchmal aus Langeweile, manchmal bei Stress oder wenn wir ängstlich sind und gelegentlich beim Sport oder auch, wenn jemand anderes gähnt. Das Gähnen nicht nur ein Ausdruck von Müdigkeit ist, können wir in der Tierwelt beobachten, ob Hund, Katze, Affe oder sogar Fische – auch sie tun es.
Viele Erklärungsversuche, jedoch bis heute keine eindeutigen Antworten
Aber wieso reagiert unser Körper ausgerechnet mit dem Gähnreflex auf so unterschiedliche Stimmungslagen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Chasmologie – die Wissenschaft vom Gähnen. Und obwohl die Wissenschaftler den Gründen des Gähnens seit Jahrzehnten nachspüren, gibt es bis heute keine abschliessende Antwort, sondern nur Hypothesen:
Sauerstoffmangel
Lange Zeit galt die Sauerstoff-Hypothese als plausible Erklärung für das Gähnen. Also, ein ausgiebiger Gähner versorgt das Gehirn mit einer Extraportion Atemluft und wir sind dadurch wieder leistungsfähig und konzentriert. Diese Theorie hat der US-Neuropsychologe Robert Provine allerdings schon 1987 widerlegt. Bei einem Experiment atmeten die Probanden Luft mit unterschiedlich hohem Sauerstoffanteil ein. Das Ergebnis: Die niedrige Konzentration an Sauerstoff machte die Teilnehmenden zwar müde – sie gähnten deswegen aber nicht öfter als die Probanden, die mit Luft mit einer höheren Sauerstoffkonzentration versorgt wurden. Zudem gibt es noch einen weiteren Fakt, der gegen diese These spricht: Auch Fische oder Embryos im Fruchtwasser gähnen.
Gähnen reguliert die Temperatur im Gehirn
Dies ist zwar nicht belegt, gilt aber unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als wahrscheinlich. Amerikanische Forscher entdeckten das Phänomen der Thermoregulation in einem Versuchsaufbau mit Ratten. Die Tiere gähnten dann, wenn die Temperatur in ihrem Gehirn stieg. Die Forscher nehmen deshalb an, dass wenn der Kopf zu warm wird, der Körper zur optimalen Temperatur zurückkehren möchte. Durch den etwas kälteren Luftstrom beim Gähnen kühlt das Blut ab. Fliesst dieses dann in den Kopf, sorgt es dafür, dass das Gehirn wohltemperiert wieder besser arbeiten kann.
Auch bei Stress gähnen wir häufiger. Erhöht der Körper dadurch vielleicht die Konzentrationsfähigkeit in einer herausfordernden Situation? Das wäre z.B. auch eine Erklärung dafür, weshalb Läuferinnen und Läufer kurz vor dem Startschuss häufig gähnen. Der Gähnreflex erwischt viele Menschen zudem abends, also zu der Tageszeit, wo unsere Körpertemperatur am höchsten ist. Das würde die Hypothese mit der Temperaturregulation bekräftigen. Sie hat aber auch einen Schwachpunkt: Für den kühlenden Luftstrom genügt es, tief durch die Nase einzuatmen, ein herzhaftes Mundaufreissen, wie beim Gähnen üblich, ist also eigentlich gar nicht nötig für den Kühleffekt.
Soziale Kommunikation
Einige Forscherinnen und Forscher vermuten, dass Gähnen eine Form nonverbaler Kommunikation ist. Diese Annahme stützt sich unter anderem auch auf Beobachtungen in der Tierwelt. So reisst z.B. ein Löwenrudel kollektiv sein Maul zum Gähnen auf, bevor es zur Jagd aufbricht. Die Vermutung der Forschenden ist, dass sie damit ihr Verhalten synchronisieren, um besser als Gruppe zu funktionieren. Auch für unsere Vorfahren könnte ein solches Verhalten sinnvoll gewesen sein, um sich stärker verbunden zu fühlen.
Eine weitere Rolle spielt die Empathie und die entsteht durch Spiegelneuronen. Spiegelneuronen sind ein Netz aus Nervenzellen, das es möglich macht, sich in andere Menschen oder Tiere einzufühlen. Wenn jemand weint, werden wir z.B. auch traurig. Diese Empathie entsteht ebenso beim Gähnen. Und das sogar, wenn wir nur ein Gähnen hören, es ausschliesslich sehen oder nur darüber lesen. Spannend daran: Je besser wir jemanden kennen, der uns gegenüber sitzt und gähnt, desto leichter lassen wir uns von ihm anstecken. Wenn also die Tochter herzhaft gähnt, wirkt das ansteckender, als wenn das ein Bekannter oder der Chef tut. Die Spiegelneuronen bilden sich erst etwa im Alter von vier Jahren richtig aus, das erklärt auch, weshalb sich kleine Kinder weniger durch Gähnen anstecken lassen. Weiter gibt es Hinweise, dass Spiegelneuronen im Alter wieder abnehmen. Das Gähnen ansteckend ist, konnten auch Forscher der Universität Pisa nachweisen. Dazu beobachteten sie über ein Jahr lang 109 Erwachsene aus Europa, Nordamerika, Asien und Afrika in ihrem gewohnten Umfeld. (Link zur Studie der Universität Pisa)
Interessant ist zudem, dass die Empathie auch speziesübergreifend funktioniert, also wundern sie sich nicht, dass wenn sie gähnen, plötzlich auch ihr Hund oder ihre Katze mitgähnt.
Gähnen, ein nützlicher Reflex
Auch wenn es bis heute keine abschliessende Antwort gibt, weshalb wir gähnen, scheint der Reflex doch positive Effekte auf unseren Körper zu haben. Gähnen fördert die Durchblutung, regt das Nervensystem an, lockert verspannte Muskeln im Gesicht und kann kurzfristig helfen die Aufmerksamkeit zu erhöhen.
Wer sich regelmässig streckt und gähnt, gönnt seinem Körper zudem eine kleine Pause.
Ob müde, gelangweilt, angespannt oder einfach mitfühlend – Gähnen gehört zu unserem Alltag. Und wenn du beim Lesen dieses Texts jetzt gegähnt hast – keine Sorge, du bist in guter Gesellschaft.
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- Autor/in:
- Simone Walther Büel
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