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Pflanzenporträt: Grosse Brennnessel (Urtica dioica)

In unserer Serie Pflanzenporträt stellen wir Ihnen verschiedene Heilpflanzen näher vor. Dieses Mal hat die Grosse Brennnessel (Urtica dioica) ihren Auftritt. Viele Menschen betrachten diese Wildpflanze in erster Linie als lästiges Unkraut – dabei gehört die Brennnessel zu den wertvollsten heimischen Heilpflanzen. Seit Jahrhunderten wird sie in der Volksmedizin wegen ihren blutreinigenden, stoffwechselanregenden und stärkenden Eigenschaften geschätzt. 

Brennessel

Vorkommen, Aussehen und Zuordnung

Die Brennnessel (Urtica dioica) ist in weiten Teilen Europas, Asiens, Nordafrikas und Nordamerikas heimisch. Sie gehört zur Pflanzenfamilie der Brennnesselgewächse (Urticaceae). Neben der Grossen Brennnessel (Urtica dioica) ist in Mitteleuropa auch die Kleine Brennnessel (Urtica urens) verbreitet.

Die Brennnessel wächst bevorzugt auf nährstoffreichen, stickstoffhaltigen Böden und ist oft an Waldrändern, Bachufern, Wegrändern oder bei Hecken und Schuttplätzen sowie in Gärten anzutreffen. Die anspruchslose Pflanze kommt vom Tiefland bis in alpine Höhenlagen vor.

Die Brennnessel ist eine ausdauernde, krautige Pflanze und erreicht je nach Standort Wuchshöhen von 30 bis 150 Zentimeter. Sie bildet ein weit verzweigtes Rhizomsystem, mit dem sie sich stark ausbreiten kann. Der vierkantige Stängel ist aufrecht wachsend und dicht mit Brennhaaren besetzt. Die gegenständig angeordneten, länglich-herzförmigen Blätter besitzen einen gezahnten Rand und eine raue Oberfläche.

Von Juni bis Oktober bildet die Pflanze unscheinbare, grünliche Blüten in hängenden Rispen aus. Die Brennnessel ist zweihäusig, das heisst, männliche und weibliche Blüten befinden sich auf unterschiedlichen Pflanzen. Bestäubt wird die Pflanze hauptsächlich durch den Wind.

Die Pflanze, die ihrem Namen alle Ehre macht

Die Botschaft, was sie macht, wenn sie mit unserer Haut in Kontakt kommt – nämlich brennen – trägt die Brennnessel (Urtica dioica) sowohl in ihrem deutschen wie auch in ihrem lateinischen Namen. Der lateinische Name «Urtica» leitet sich vom Wort «urere» ab, was brennen bedeutet. Der zweite Teil des Wortes «dioica» verweist auf die Zweihäusigkeit der Art. Beim deutschen Namen verweist der zweite Wortteil «Nessel» auf den Verwendungszweck der Pflanze als Faserpflanze. Nessel geht nämlich auf das alte indogermanische Wort «nazza» zurück, was «nähen» bedeutet. In früheren Zeiten – vor der Einführung der Baumwolle – wurde aus den Fasern der Brennnessel nämlich ein Fasergewebe hergestellt. Und in den letzten Jahren ist die Eigenschaft der Brennnessel als Faserpflanze auch langsam wiederentdeckt worden.

Die Verwendung in der Volksmedizin

Die Brennnessel zählt zu den wichtigsten Entgiftungs- und Stoffwechselpflanzen der europäischen Volksmedizin. Verwendet werden Blätter, Samen und Wurzeln. Die Pflanze wirkt harntreibend, entzündungshemmend, blutreinigend und tonisierend.

Innerlich wird sie unter anderem bei Harnwegsbeschwerden, rheumatischen Erkrankungen, Gicht, Frühjahrsmüdigkeit und zur Unterstützung der Leber- und Nierenfunktion eingesetzt. Die Brennnessel fördert die Ausscheidung von Stoffwechselendprodukten und stärkt den Organismus.

Äusserlich findet sie Anwendung bei Hautproblemen, Haarausfall und Schuppenbildung. In der Homöopathie wird Urtica dioica vor allem bei allergischen Hautreaktionen, Nesselsucht, Rheuma und Beschwerden im Bereich der Harnwege eingesetzt.

Inhaltsstoffe

Die wichtigsten Inhaltsstoffe der Brennnessel sind:
Flavonoide, Kieselsäure, Mineralstoffe (vor allem Eisen, Kalium, Silicium, Natrium und Magnesium), Vitamin C, Vitamin K, Carotinoide, Chlorophyll und in den Brennhaaren biogene Amine.

Das Wesen der Pflanze

Vom Wesen der Pflanze her steht die Brennnessel für Aggression, Wille, Selbstüberwindung, Blutreinigung und Eisen, wie Roger und Hildegard Kalbermatten in ihrem Buch «Pflanzliche Urtinkturen – Wesen und Anwendung» schreiben. Aggression wird meistens mit einer negativen, zerstörerischen Aktivität in Verbindung gebracht. Doch Aggression, im ursprünglichen, positiven Sinn verstanden, beseitigt Hindernisse, damit sich die neue Aktivität entfalten kann. Sie entfernt das Alte, Verbrauchte, Kraftlose, Überfällige und schafft dadurch Raum für Neues. Aggression und schöpferische Tätigkeit gehören untrennbar zusammen. Für die persönliche Entwicklung und Freiheit ist es wichtig, eine positive, das eigene Wesen anpackende Aggression in Form von Selbstüberwindung und Wille zu entwickeln, um die Führung im eigenen Leben zu übernehmen und sich nicht durch Triebe beherrschen zu lassen.

Aufgrund ihres Eisengehalts besitzt die Brennnessel eine spezifische Beziehung zum Blut. Es ist die ins Blut getragene Aggression, die den Organismus von den alten, unbrauchbaren Stoffen befreit. Bei keiner anderen Pflanze ist der alte Begriff «Blutreinigung» derart zutreffend wie bei der Brennnessel.

Die Brennnessel in der Mythologie

Schon in der Antike war die Brennnessel als Heil- und Nutzpflanze bekannt. Ihr Volksname «Donnernessel» weist auf ihre Bedeutung in der Mythologie hin. Die Nesseln waren Symbol des Blitz- und Donnergottes Donar. Bei den Germanen galt sie als Schutzpflanze gegen Blitz und böse Geister. Man legte Brennnesselzweige vor Haus- und Stalltüren, um Unheil fernzuhalten. Im Mittelalter warfen die Menschen einen Strauss mit Brennnesseln über das Dach ihrer Behausung und hofften, sie würden dem Blitz den Weg zu den Erdgeistern zeigen. Von den Brennnesselsamen als Aphrodisiakum berichtete bereits vor 2000 Jahren der griechische Dichter Ovid. Zur Steigerung der Manneskraft wurde eine Mischung aus Pfeffer und Nesselsamen empfohlen.

In der Volksmagie wurde die Brennnessel als Pflanze der Stärke und Reinigung verehrt. Sie symbolisiert Widerstandskraft, Mut und Durchhaltevermögen. Auch in Märchen und Sagen erscheint die Brennnessel häufig als Pflanze, die durch Schmerz hindurch zur Heilung führt.

Die Brennnessel in der Küche

Die Brennnessel gehört zu den wertvollsten essbaren Wildpflanzen. Die ersten Brennnesseltriebe im Frühjahr waren stets Bestandteil der Neunkräutersuppe, durch deren Verzehr sich die heidnischen Bauern mit den Lebenskräften der erwachenden Natur verbanden. Mit Hilfe der Brennnessel konnte die Winterschwäche und der üble Scharbock (Skorbut) vertrieben werden. An manchen Orten kennt man diese Suppe auch heute noch, meist unter dem Begriff Gründonnerstagssuppe.

Junge Brennnesselblätter können zudem wie Spinat zubereitet werden. Sie bereichern auch hervorragend Risottos oder Quiches. Oder wie wäre es mit einer Brennnessel-Pesto? Durch Erhitzen oder kurzes Blanchieren verlieren übrigens die Brennhaare ihre Wirkung. Wer die Brennnessel roh in den Salat geben will, der bearbeitet sie vorab am besten gründlich mit dem Wallholz oder zerkleinert sie im Mixer. Auch so verlieren die Brennhaare ihre Kraft.

Brennnesselsamen gelten als kräftigendes Tonikum und können über Müesli, Salate oder Joghurt gestreut werden. Besonders schmackhaft sind sie, wenn man sie zuvor noch etwas anröstet.

Da die Brennnessel hochwertige pflanzliche Proteine, Mineralstoffe und Vitamin liefert, eignet sie sich hervorragend zur Unterstützung einer vitalstoffreichen Ernährung.


Literatur:

«Pflanzliche Urtinkturen – Wesen und Anwendung», Roger und Hildegard Kalbermatten, ISBN 978-3-03800-601-5
Pflanzliche Urtinkturen
Die Kräuter in meinem Garten, Siegrid Hirsch & Felix Grünberger, ISBN 3-8289-2128-0


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Autor/in:
Simone Walther Büel
Tags zum Bericht:
Blog

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